September 2010: Der Tag der Unabhängigkeit

Patriotisch mit Fahnen begeht man diesen nationalen Feiertag mit einer bestimmten Tradition. In den Schulen wird meist schon am 14. September, einen Tag vorher, der traditionelle Fackellauf veranstaltet.
Bei EducArte finden die Feierlichkeiten in diesem Jahr an zwei Tagen statt. Am Nachmittag des 13. versammeln sich alle Kinder und Mitarbeiter in der Schule zum „offiziellen Akt“, auch die Eltern wurden eingeladen. Dabei wird die guatemaltekische Nationalhymne gesungen, die übrigens eine der längsten der Welt ist, und der Eid auf die Nationalflagge geschworen.
Anschließend werden “Mister & Miss Unabhängigkeit” gewählt. Die Kinder führen Tänze auf, kleine Theaterstücke oder präsentieren Gedichte und dergleichen und werden hinsichtlich ihrer Körpersprache, Sprachgewandtheit, Aussprache, Ausstrahlung und Gruppenarbeit von einer Jury bewertet.
Am nächsten Morgen fahren wir mit zwei Pickups, beladen mit Kindern, Lehrern und Freiwilligen, nach Antigua. Schon die Fahrt dahin ist aufregend für die Kinder und ein dauerndes Hupkonzert steigert die Euphorie noch mehr. Aufgrund der anhaltenden Regenfälle und dem damit zusammenhängenden schlechten Zustand der Straßen, hatte die guatemaltekische Regierung bereits vorab die Unabhängigkeitsläufe weitgehend eingedemmt. Daher ist der Park in Antigua vergleichsweise menschenleer. Wir entzünden die Fackel auch nicht in Antigua wie im Vorjahr, sondern erst in San Pedro las Huertas, einem Dorf, das viel näher an Ciudad Vieja liegt. Von dort aus geht der berühmte Fackellauf los. Mit den Autos folgen wir nun den Läufern und sammeln den einen oder anderen unterwegs auch mal ein, wenn er oder sie nicht mehr laufen kann.
Wir haben Glück, die Sonne scheint unglaublich heiß an diesem Tag. Außerdem sind wir vorbereitet und haben ausreichend Wasser dabei. Die meisten Kinder laufen wirklich bis zu EducArte durch. Dort haben Micaela und einige Mamas bereits das Essen vorbereitet. Vollkommen geschafft, aber glücklich finden sich die Kinder bei EducArte ein und essen ihre Sandwiches. Es war eine gelungene und lustige Aktivität und als ich abends zu Hause war, hatte ich noch immer die Trillerpfeifen der Kids und das Hupen der Autos im Ohr.

Endlich kann ich sehen

Nur wenige Wochen nach dem Augentest haben die Kinder bereits ihre Brillen in Empfang nehmen können. Henry hat sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass er sein Heft nun nicht mehr fast bis zur Nase halten muss, um zu lesen. Eine Brille tragen zu müssen ist nie so toll für Kinder. Aber für diese Kinder ganz besonders, da in ihrem sozialen Umfeld Brillen vollkommen unüblich sind. Das bedeutet Augentests oder gar Brillen haben einfach keine Priorität.
Brillen sind ein Luxus, den sich die meisten nicht leisten können. Solange man nicht blind ist, geht es ja noch, scheint da die Devise. Ein anderer Grund dafür dass bestimmte Gesellschaftsschichten Brillen keine Wichtigkeit beimessen, liegt oftmals darin, dass sie Brillen offenbar ausschließlich der “intellektuellen” Schicht zuweisen. “Ich kann weder lesen noch schreiben, wozu brauch ich denn da eine Brille?”, fragte einmal ein Mann unseren Freund, den Optiker, als dieser ihm erklärte, dass er mit einer Brille viel besser sehen könnte.
Was unsere Kids angeht, so haben sie die Wichtigkeit des Brilletragens weitgehend verstanden. Leider hört dieses Verständnis auf, wenn es ans Spielen geht. Hier muss man sie dann doch hin und wieder daran erinnern, dass die Brille auch beim Spielen getragen werden muss. Aber auch daran werden sie sich noch gewöhnen.